WIR LERNEN DEN AUTOR KENNEN!

Allgemein, YU BIN

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Yu Bin ist chinesischer Autor und Professor für vergleichende Literatur an der Universität Nanjing. Er kam am 8. Mai in Göttingen an und wird im Rahmen des Autorenaustauschprogramms „Artists in Residence“ zwei Monate in Göttingen verbringen. Diese Zeit wird er auch gemeinsam mit seiner Frau verbringen. Vom 10. bis zum 13.5. besuchte Yu Bin und seine Frau in Begleitung der Studierenden aus dem Master Interkulturelle Germanistik Deutschland-China Berlin.

In diesen vier Tagen besichtigten wir mehrere berühmte historische Denkmäler in Berlin, wie z.B. die Siegessäule, das Brandenburger Tor, den Berliner Dom und den Reichstag. Yu Bin besuchte außerdem verschiedene Museen, so z.B. das Deutsche Historische Museum. Auch mit Hilfe der Erzählung eines Reiseleiters erfuhr diese kleine Reisegruppe mehr über die Geschichte direkt nach dem Zweiten Weltkrieg sowie über die unterschiedliche Entwicklung und das zerbrochene Bild der DDR und BRD nach dem Bau der Mauer. Außerdem zeigte Yu Bin großes Interesse an Kunst, sowohl an Kunstwerken in Museen als auch an selbsthergestellten Waren von Privatpersonen auf dem Mauerpark Flohmarkt.

Einer der wichtigsten Bereiche über die Yu Bin schreibt ist das Essen. Der Autor ist daher immer neugierig auf Spezialitäten aus verschiedenen Ländern. Es wunderte uns nicht, dass er gleich am ersten Abend in ein deutsches Restaurant ging und dort Eisbein bestellte. Probieren will er noch weitere deutsche Gerichte, u.a. die Currywurst. Vermutlich beschäftigt sich sein neues Buch mit der Esskultur in Deutschland.

Die Reise nach Berlin war für uns alle eine gute Möglichkeit sich besser kennen zu lernen und eine gute Einstimmung auf die kommende gemeinsame Zeit mit Yu Bin.

Cheng Zheng/ Laura Kirsch, 20.05.2018

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Mit YU Yiming

Allgemein

   Schule MACHT krank


Ein interkulturelles Lesergespräch

mit dem chinesischen Autor

Yu Yiming in Göttingen

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Yu Yiming

Am 27. Juni 2017 hatten Literaturfreunde endlich Gelegenheit, den chinesischen Autor YU Yiming 余一鸣 kennenzulernen. Für Herrn Yu war es ebenfalls ein besonderes Ereignis, da er nicht wie sonst in China mit seinem Publikum ins Gespräch kam, sondern tausend Meilen fern von seiner Heimat in die Galerie Alte Feuerwache der deutschen Stadt Göttingen eingeladen war, zwei seiner Werke vorzustellen. Über hundert Leserinnen und Leser beteiligten sich an diesem interkulturellen Lesergespräch und hörten einer literarischen Stimme aus einer fernen Welt zu.

Stimmungsvolle Klänge der klassischen chinesischen Musik, gespielt auf der Guzheng, einer Wölbbrettzither, führten in die Veranstaltung ein. Herr Yu las zunächst auf Chinesisch aus seinen Kurzgeschichten xuan ze ti 选择题 (dt: Multiple Choice) und xiao yuan bing ren校园病人 (dt: Kranke auf dem Schulgelände bzw. der Schulkranke) vor. Die deutschen Übersetzungen dafür wurden von den Masterstudierenden der Interkulturellen Germanistik angefertigt und präsentiert. Für eine lyrische Überleitung in die Diskussion sorgte eine Studentin mit dem Lied song bie 送别 (en: Farewell Song), das bei jedem Schul- oder Uniabschluss in China erklingt und den Abschiedsschmerz hervorhebt.

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Multiple Choice, Freund der Schülerauswahl und Feind der Literaturästhetik

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Aber selbst dieser traurige Gesang konnte die Flamme der Neugier nicht erlöschen. Die Zuhörer waren sehr gespannt darauf, warum Herr Yu gerade diese Art der Prüfungsaufgabe in seiner zuerst gelesenen Geschichte thematisiert. Der Protagonist, ein Schullehrer Chen Xinmin, erstellt immer irrführendere Multiple-Choice-Aufgaben, die die Schüler kaum beantworten können. Wird Multiple Choice in China tatsächlich so eingesetzt? Oder hat der Autor eine unwahrscheinliche Geschichte gewoben?

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„Leider ist das in China die Realität.“ Aus dreiunddreißigjähriger Lehrerfahrung weiß Herr Yu nur gut, dass sowohl Schüler*innen als auch Studierende häufig mit Multiple Choice konfrontiert sind. Der Auftrag des Prüfungskomitees heißt, auf jede erdenkliche Weise die Schüler in die Falle zu locken. Das Ziel ist nicht die richtige Antwort zu finden, sondern die Ermittlung der Besten. Er kritisierte: „In den Naturwissenschaften kann man entweder A oder B auswählen. Aber diese Logik ist nicht auf Literatur übertragbar. Dies trifft besonders auf chinesische literarische Werke zu, denn ähnlich wie die chinesische Malerei, tendiert die Schreibkultur in China eher dazu intransparent und unscharf zu sein. Durch den Einsatz von Multiple Choice in Prüfungen wird die obskure Ästhetik der Literatur schlechthin zerstört.“

Literatur als Waffe der Kritik 

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Auch die zweite Geschichte erzählt von einer prüfungsorientierte Schuldirektorin, Lin Xiangdong. Der Leser erfährt aus der Perspektive ihres Lehrerkollegen, wie die Schülerin und Lins Tochter Lin Yue unterdrückt wird. Daraufhin bricht die Schülerin mit ihrem Hobby des literarischen Schreibens. Auch diese Geschichte ist nicht nur Fiktion.   

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Will Herr Yu durch seine Werke die gesellschaftliche Natur ans Licht bringen? Auf diese Frage ist die Antwort „Ja“. Seit dem Bachelorabschluss hat Herr Yu in verschiedenen Schulen auf dem Land und in der Stadt unterrichtet. Was ihn ununterbrochen beunruhigt, sind Missstände im chinesischen Bildungssystems: Das leistungsorientierte Bildungswesen raubt den Jugendlichen ihre Kreativität und schädigt die Gesundheit. Als Lehrer und Vater erwartet er Reformen  im chinesischen Bildungssystem. Die Literatur ist seine Waffe, um Bildungsreformen einzufordern.

Der lange Weg vor unsDSC_3335-68

„Zu meiner Zeit lag die Hochschulaufnahmequote in China nur bei drei Prozent. Vierzig Jahre nach Einführung der Reform- und Öffnungspolitik im Jahr 1978 können derzeit sechzig Prozent der Prüfungskandidaten in die Universität gehen. In Deutschland dagegen können fast alle Schüler nach dem Abitur studieren.“ äußerte Herr Yu. „In China gibt es einfach zu wenig Hochschulen für viel zu viele Schüler. Aus diesem Grund muss grausam ausgesiebt werden und das mittels der Gao Kao, der chinesischen Hochschulaufnahmeprüfung, und ihrer sonderbaren Multiple-Choice-Aufgaben.“

Bereits seit 2000 werden die Missstände im Bildungswesens von der chinesischen Gesellschaft immer wieder angeprangert. Dennoch bleibt die Situation ambivalent. Einerseits fördert die Regierung die qualitativ hochwertige Bildung, also eine Bildung und Erziehung, die auf einen höheren Bildungsstandard mit Kreativität abzielt. Die Schüler wurden nämlich animiert, eigene Interessen zu entwickeln, statt stetig für die Prüfungsfächer zu pauken. Daher gab es eine Zeit, wo Unterrichtsfächer wie Musik, Sport und Kunst mit Mathematik, Englisch und Chinesisch gleichgesetzt wurden. Auch die Nachhilfestunde wurde verboten, um den Schülern mehr Freizeit einzuräumen. Meist sind es jedoch die Eltern, die die Leistungen von Schulen und Schülern einfordern, die eine entscheidende Rolle für die Versetzung in die Oberstufe spielen. Auf diese Weise wird einer Schule, die Wert auf qualitativ hochwertige Bildung legt, vorgeworfen, dass sie das Ziel der Qualifikation für Oberstufe und Universität verfehle. Die Eltern drängen die Schullehrer förmlich dazu, Nachhilfestunde zu geben.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass ein administratives System in den Schulen durchgeführt wird, das die Förderung qualitativ hochwertiger Bildung behindert. Unter diesem System werden Rektor, Fachleiter und Lehrer ähnlich wie Beamten finanziell begünstigt und hierarchisch verwaltet. Der Schulrektor kümmert sich ebenfalls nur darum, dass die Schüler gute Noten bekommen. Denn ob ihm Vergünstigungen zuteilwerden, hängt ganz von der Schulabschlussquote ab. So werden die untergeordneten Fachleiter und Lehrer praktisch aufgefordert, sich ausschließlich an guten Leistungen zu orientieren. Ansonsten können ihnen Vergünstigungen und Gehalt abgezogen werden.

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„Ich habe eben dieses Dilemma in meiner Geschichte Multiple Choice mit einem Volksgedicht umschrieben: ¸Qualitativ hochwertige Bildung gleicht Krawatte und Anzug, die man vor den Anderen ordentlich tragen werden muss; die prüfungsorientierte Bildung erinnert an die enganliegende Unterhose, die sich Tag und Nacht versteckt an den Körper schmiegt.’“ So betonte Herr Yu: „Man findet bisher keine Lösung, die sowohl die Schule und Bildungsbehörde als auch die Eltern und Kinder zufriedenstellt. Die Bildungsreform ist kein einseitiger Auftrag. Wir haben noch einen langen Weg zu gehen.“

Aber Herr Yu sieht bereits Hoffnung, nicht nur weil in Zukunft Professoren die Schulen in China verwalten werden. Vielmehr liegt der Grund darin, dass man sich mit dem chinesischen Bildungssystem auch im Ausland auseinandersetzt, indem seine Geschichten ins Deutsche übersetzt und interkulturell besprochen werden können.

Yuke Wan

Der Text hat das Wort: Yu Yiming und die Wehrhaftigkeit der Texte

1) Es rede der Text…

Der Leseabend mit Herrn Yu Yiming begann mit der Frage: Was geschieht, wenn der Text das Wort erhält? Wenn es die Schrift ist, die sich zu Wort meldet und als eigenwilliger Text zum Sprechen gebracht wird? Die Wehrhaftigkeit des Textes, so Herr Prof. Mitschian, stellvertretender Leiter der Abteilung Interkulturelle Germanistik, bestehe darin, eine Pluralität an Interpretationen auf den Plan zu rufen, die Widerständigkeit des Textes wahrzunehmen und das Eigenleben des Textes sichtbar zu machen. Schrift, so Herr Mitschian, war schon seit der Antike Grund von Auseinandersetzungen: während die schriftfeindliche Auffassung von Sokrates in die Überzeugung mündete, Text könne sich nicht zur Wehr setzen und spreche monologisch immer dieselbe Bedeutung aus, hielt Platon dagegen: der Text sei wehrhaft und müsse sich zur Wehr setzen…!

2) Der Text hat das Wort

Die Texte des Autors Yu Yiming traten in zwei verschiedenen Versionen zu Tage: jeweils zwei unterschiedliche Übersetzungen (mit verschiedenen Strategien) führten zu einer Polyphonie des Textes, da sie verschiedene Aufführungen und Varianten zum Sprechen brachten. Das Sprechen selbst erwies sich als Aufführungspraxis. Indem der Text verschiedene Versionen verwirklicht, wehrt er sich gegen eine Monologisierung: nicht die eine Bedeutung steht im Vordergrund, sondern eine Vielfalt an Bedeutungen, die der Text unter anderem über die verschiedenen Übersetzungen generiert. Monologisch bedeutet im Sokratischen Sinne, dass der Text sich immer auf dieselbe Weise zu erkennen gibt, er festgelegt ist auf eine Stimme und über diese determiniert wird. Es ist also nicht vordergründig das „Erkenne dich selbst“ des Antiken Griechenlands, sondern die Selbstreflexivität des Textes und wie wir seine Bedeutung erkennen, wie sich uns der Text erschließt. Wann ist der Text wehrhaft? Genau dann, wenn er sich über eine Pluralität von Bedeutungen zu erkennen gibt. Wenn das unausgefüllte Potential des Textes zum Tragen kommt und wir als Leser die Leerstellen des Textes ausfüllen, indem wir unsere Phantasie benutzen, um den Text in seiner Bedeutungsfülle zu befreien. Der Text wehrt sich gegen die eine, einzige Lesart. Yu Yiming sprach von der Ambivalenz des Textes. In seinen Worten: die Literatur zeichne sich durch eine Ästhetik der Ungleichheit und Ambivalenz aus.

3) Das Scheitern der Wahl

Wenn Multiple Choice-Fragen das Leben ersetzen bzw. das Leben über Multiple Choice-Fragen falsch konzeptualisiert wird, so dass es zur Ironie wird, dass Bildungsträger und -figuren im Text an ihrem Konzept scheitern, dann, so muss eine Schlussfolgerung lauten, bereitet die Schule nicht auf die Fragen des Lebens vor. Stattdessen, so der Text, ist das Leben einfacher als die gestellten Fallen der spitzfindigen Lehrer. Der Text zeigt, wie weit sich Leben und Bildung voneinander entfernen können, indem er in einer ironischen Wendung einen erfahrenen und renommierten Lehrer in eine Falle gehen lässt, die er sich selbst als Aufgabe gestellt hat, und ihn schlussendlich das Leben kostet. Der Lehrer scheitert an seiner eigenen Aufgabe, weil das Leben andere Ansprüche stellt, da unsere Konzeptualisierungen Heuristiken sind, die oft an der Sache vorbeigehen, weil auch Bildung sich gewisser Raster bedient, die eine Falle zwischen Realität und Schule, zwischen Realität und Praxis stellen. Es kann eben keine Anleitung zum Leben geben…

4) Der Verlust der Phantasie

Auch Direktorin Lin („Die Kranke auf dem Schulhof/ Schulkranke“) scheitert am eigenen Bildungskonzept. Über die Karikatur der Direktorin gelingt dem Autor, einen Teilausschnitt des chinesischen Bildungssystems auf den Punkt zu bringen. Neben der ideologischen Bildung beklagt der Autor anhand der jungen Lin Yue den Verlust der Phantasie, der aus einer Krise des jungen Mädchens resultiert. Anhand dieser liebevoll gezeichneten Figur erscheint das Bildungssystem als Mechanismus, der keinen Platz für Phantasie und Vorstellung lässt. Diese sind es jedoch, die eine Person erst zum Menschen und analog einen Text erst zum Text werden lassen; Texte sind auf unsere Vorstellungen und auf unsere Phantasie angewiesen, um die Lücken des Textes zu schließen…

5) Ironie des Lebens?

Abschließend erscheint die Ironie der Texte als Möglichkeit die Ambivalenz, die Ästhetik der Ungleichheit (wie sie Yu Yiming für Literatur ansetzt) zum Sprechen zu bringen. Beide Texte enden mit einer leisen Ironie. Der Abend bot zahlreiche Möglichkeiten, diese zu entdecken…

Ingrid Ospald

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Hier zum Blog > Yu Yiming

DAS INTERVIEW

Allgemein


 

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Am 20. Juni haben wir ein Interview mit Herr Yu geführt. Um gute Fragen stellen zu können, haben alle Kommilitoninnen zuvor zusammen überlegt. Die Fragen umfassen viele interessante Bereiche: Herrn Yus Schreiberfahrungen, seine Ansichten zur chinesischen Literatur und zum Bildungssystem, seine Eindrücke von Deutschland bzw. Göttingen.Später werden wir noch die Videoaufnahme des Interviews hier im Blog veröffentlichen. Wir freuen uns auf Sie. Als Schriftsteller denkt und schreibt Yu selbständig und er macht sich stets Gedanken über gesellschaftliche Probleme in China. Das Interview wurde auf Deutsch und auf Chinesisch geführt und wird später auch in unserer Broschüre, die wir am Abend der Lesung reichen werden, veröffentlicht. Alle Interessenten sind herzlich zu unserem Interkulturellen Lesergespräch am 27. Juni ab 19:30 in der Galerie Alte Feuerwache (Ritterplan 4) eingeladen.

Yukuan Wang, 20.06.2017

DER WINTER DER LITERATUR IN CHINA NAHT. IST DER LITERATURFRÜHLING NOCH WEIT?

Allgemein


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Bereits Anfang der 90er Jahre müssen die chinesischen Autoren mit dem Literaturwinter kämpfen. Doch was ist damit gemeint? Um eine interkulturelle Antwort zu geben, kam der chinesische Autor Herr Yu Yiming am 30. Mai mit den Studenten in Göttingen ins Gespräch.

Herr Yu äußerte zunächst, dass es literarische Werke in China schwer hätten, bekannt zu werden. Aber sie finden trotzdem Anklang beim Publikum, wenn sie das Glück haben, von einem prominenten Regisseur verfilmt zu werden. Dies trifft z.B. auf Su Tongs 苏童 Roman Qīqiè Chéngqún «妻妾成群» (en: Wives and Concubines dt: Rote Laterne) zu. Vor der Verfilmung war Su völlig unbekannt. Es war daher nicht zu erwarten, dass seine Werke Aufsehen in China erregen würden. Aber nachdem der Roman als Spielfilm des Regisseurs Zhang Yimou 张艺谋 über die Leinwand gelaufen war, avancierte Su zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller in China.

Ein alternativer Weg ist, dass chinesische Autoren und Werke aufgrund von Preisverleihungen durch Regierung und Schriftstellerverbände die Stufen zum Erfolg erklimmen. Ausgezeichnet werden jedoch ausschließlich diejenigen, die keinen direkten Konflikt mit der Regierung  herausfordern.

Schließlich könnten die Werke aus eigener Kraft zu Ruhm gelangen, wenn darin die schweren Zeiten des chinesischen Volks, insbesondere in den letzten Jahrzehnten, äußerst realistisch geschildert werden. Beispielsweise hat der chinesische Autor Yu Hua 余华 in seinen Roman Huózhe «活着» (en: To Live, dt: Leben!) einen Rückblick in die Geschichte der zehnjährigen Kulturrevolution gehalten, was durch seine persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Dennoch ist mit solch ‚ernster‘ Literatur der Leser kaum zu unterhalten.

Als die Zuhörer fragten, warum die chinesische Literatur in Druck geraten sei, hat Herr Yu erklärt: Zu seinem Leidwesen verbiete die strenge Zensur nicht nur Aberglauben wie Falun Gong und Pornographie. Sondern auch die ‚ernste‘ Literatur, vor allem die „politisch nicht-korrekte“, könne nur schwer überleben. Das Werk des Systemkritikers Lian Lianke 阎连科 wèi rénmín fúwù «为人民服务» (en: Serve The People, dt: Dem Volke dienen) wurde von Peking verboten. Aber mit dem Erscheinen von verbotenen Romanen im Ausland werden sie mit einem Schlag bekannt und sogar für internationale Literaturpreise nominiert. Durch einen huíliú 回流, „Rückstrom“ gelangen diese Werke dann nach Festlandchina. Daher versuchen manche Autoren, die sich der Zensur bewusst sind, die eigenen Werke zuerst ins Ausland zu bringen.

Eine sinologische Studentin, die früher als Redakteurin bei einem deutschen Verlag gearbeitet hatte, stellte die Frage, ob die Zensurpolitik mit der Zeit loser werden würde. Denn sie findet es schade, dass ein Autor seinem Leser die eigenen Werke nicht vorstellen könne.

Herr Yu war überfragt. „Damit kann man überhaupt nicht rechnen, weil es in China keine festgelegten Regeln dafür gibt“, sagte er. Trotzdem haben einige kluge Autoren wie der Literaturnobelpreisträger Mo Yan 莫言 Schleichwege entwickelt. Um zu publizieren, stellt der „schlaue Bauer“ Mo oftmals Figuren als dumme Bauern dar und erzählt ihre Dummheit in einer übertrieben grotesken Geschichte. Aber die Bauern haben eigentlich die Beamten betrogen und geschlagen. Diese Anspielung lässt sich schwer bemerken, wenn man Tiāntáng suàntái zhī gē «天堂蒜台之歌» (dt: Die Knoblauchrevolte) und wā «» (dt: Frosch) von Mo nicht sorgfältig liest. Und das hat sogar Mo geholfen, der Zensur der Regierung zu entgehen. Daher betonte Herr Yu, „Mo Yan kann sich sehr gut an das System, in dem er lebt, anpassen.“

Herr Yu kritisiert, dass die Zensurpolitik in China die Literatur und Autoren drastisch verletze. Immer mehr Autoren und Leser interessierten sich für die Unterhaltungsliteratur bzw. Fernsehserien und Filme statt für ‚ernste‘ Literatur. Denn sie sind einerseits erheiternd und unbekümmert anzuschauen. Andererseits fühlt man sich als deren Publikum frei und sicher, weil sie politisch nicht inkorrekt sind. Jedoch haben sie überhaupt nichts mit Ästhetik und Literatur zu tun.

Zum Trost kümmern manche Persönlichkeiten sich sehr um die chinesische Literatur. Zum Beispiel haben Ma Yu 马云, der Gründer und CEO der Alibaba Group, und Liu Qiangdong 刘强东, der Gründer des Online-Versandhändlers JD.com, private Literaturpreise gestiftet, damit Literatur in China wieder ernst genommen werden kann. Darüber freut sich Yu Yiming sehr. Vielleicht setzt sich der Literaturfrühling in China doch bald durch, auch wenn der Winter der chinesischen Literatur weiterhin bedrohlich näher kommt.

Yuke Wan, 30.05.2017

EINE WEITERE GESPRÄCHSRUNDE

Allgemein, YU YI MING


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Am 29.05.2017 (Montag) setzten wir das Gespräch mit Herrn Yu über ,,Gao Kao und Bildung“ fort. Er monierte, dass Schülerinnen und Schüler in China wegen der Gao Kao (der einheitlichen Hochschulaufnahmeprüfung in China) das Interesse am Lernen verlieren. Leider kann er nichts anderes machen als das in Kauf zu nehmen.
Als Lehrer sage er ständig zu seinen Schülern, die Hauptsache sei immer noch, diese Prüfung zu bestehen. Seitdem er allerdings an der Fremdsprachen-Mittelschule Nanjing tätig ist, kann er endlich den Schwerpunkt auf Literatur legen, weil die meisten Schülerinnen und Schüler an dieser Schule aufgrund ihres Familienhintergrunds nicht an der Prüfung teilnehmen müssen.
Als erfahrender Chinesischlehrer findet Herr Yu es sehr schlecht, dass die Aufgaben für die Prüfung seit Jahrzehnten einem Muster folgen und sich nur auf die grundlegenden Begriffe konzentrieren. Er meint, das schade der Fähigkeit der Schüler, einen Text zu analysieren. Ihre ,,Gedanken“ könnten dadurch sogar ,,vereinheitlicht“ werden. Er verglich die Gao Kao mit anderen staatlichen Prüfungen wie den Toefl und findet die westlichen besser als die in China. Außerdem könnte man meinen, dass Lehrer Feinde der Schüler seien, weil sie Schüler absichtlich eine Falle stellten.
Quanyu argumentierte dagegen und wies darauf hin, dass die Aufnahmeprüfung zwar langsam, aber schrittweise eine Reform erlebe. Herr Yu bleibt allerdings sehr pessimistisch und sieht in Prüfungen immer noch das Ergebnis einer ,,Verschwörung“ von Gesellschaft und Eltern.
Auf Ingrids Frage zur Ironie in chinesischen literarischen Texten antwortet Herr Yu, die beste chinesische Ironie solle so angelegt sein, dass man nicht den ironischen Ton erst nach genauer Überlegung entdecken könne.

Seine Erfahrung als Lehrer sei eher schädlich als hilfreich für das eigene schriftstellerische Schreiben. Als Lehrer könne er nicht kreativ denken und die Schönheit eines Textes nicht genießen, weil er ihn ausschließlich als potenziellen Stoff für Prüfungen betrachte. Als Schriftsteller muss er dazu Distanz nehmen.

Quanyu, 29.05.2017

Ein Tag in Bovenden

Allgemein

 


Am 28.05 machten Herr Yu, Anna, Sascha und Jin begleitet von herrlichem Sommerwetter einen Ausflug nach Bovenden. Dadurch gewann unser chinesischer Autor einen Einblick in die alltäglichen Szenen des Lebens in Deutschland. Währenddessen haben wir viel über China und Deutschland geredet, eine „interkulturelle Kommunikation“ hat unbewusst stattgefunden, vielleicht ist dieser Ausflug das Material für sein nächstes Werk?
Anna, Sascha, 我,余老师。可惜Sasch只留下一个背影,不过很棒的一天,近距离的促进中德文化交流,比如:中国的高速和德国一样么?.

Yang Jin, 28.05.2017

WORK IN PROGRESS… UND FOTOSHOOTING!

Allgemein


Die Sonne ist endlich auch in Göttingen angekommen und wir haben den wunderschönen Freitag ausgenutzt, um eine wichtige Aufgabe in Bezug auf unsere Veranstaltung „Interkulturelles Lesergespräch“ zu erledigen: das Fotoshooting! 

Wir hätten dafür keine bessere Lage auswählen können! Welche? Den Uni-Campus natürlich!

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Überraschend war für mich, der Einsatz, den unser Autor zeigt. Sehr geduldig und  DSC_3088 amüsiert folgte er uns durch den Campus und posierte gleich mehrmals vor unserer Kamera. Wir sind nämlich auf der Suche nach dem schönsten Foto für das Plakat, das Sie bald überall in Göttingen sehen können! Haben Sie nur noch etwas Geduld!

Wir haben auch den Anlass genommen, Yu Yiming besser kennen zu lernen. Er finde Göttingen sehr ruhig und schaut sich neugierig um. Die kleine LSG Arbeitsräume erinnern ihn zum Beispiel an die winzigen Kabinen, in denen in der Vergangenheit viele Gelehrte Tag und Nacht hart für die Prüfung lernten, um Beamte zu werden. Ich fand die Überleitung einfach bezaubernd.

Schließlich war das Zusammentreffen eine wie immer wertvolle Möglichkeit für die nicht chinesischen Muttersprachler, sich dazu zu trauen, die chinesische Sprache mit so einem umgänglichen Schriftsteller, Lehrer und vor allem Mensch zu erproben.

Antonella Fontanarosa, 26.05.2017

Video Foto Shooting >>>

https://drive.google.com/file/d/0B4_tzexppQY1c1EtVWU1dl9Bd00/view?usp=sharing

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EINE GESPRÄCHSRUNDE

Allgemein


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Vergangenen Mittwoch, den 24.05., trafen wir Herrn Yu zu einem Gespräch über chinesische Literatur. Herr Yu gewährte uns viele interessante Einblicke in den Entstehungskontext seiner Werke und beantwortete unsere Fragen sehr ausführlich. Es war eine Freude, das Gespräch zu verfolgen, da unsere chinesischen Kommilitoninnen wirklich gut übersetzten.

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Frau Dengel erkundigte sich danach, was ein Leser mitbringen muss, um zeitgenössische chinesische Literatur verstehen zu können. Dafür ist, so Herr Yu, stets zu bedenken, welche Erfahrungen die Figuren haben könnten. So sind die Charaktere häufig nachhaltig von Erlebnissen während der Kulturrevolution geprägt.

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Daraufhin fragt Xia, wie dies die nachfolgende Generation, die die Kulturrevolution nicht miterlebt hat überhaupt herauslesen könne. Denn oft sind literarische Andeutungen zu diesem Thema sehr versteckt. Daraufhin empfiehlt Herr Yu sich darüber mit den Großeltern auszutauschen, damit sie ihrer Erfahrungen weitergeben können.

DSC01318                     Xiao nimmt Bezug zu einer Stelle in einer Kurzgeschichte von Herrn Yu in der die Hoffnung angedeutet wird, dass die derzeitige recht einseitige  Fokussierung auf das Bestehen von Abschlussprüfungen überwunden wird und fragt, ob Herr Yu dies in naher Zukunft erwartet. Herr Yu schätzt den Weg dorthin jedoch als sehr weit ein, da bestehende Strukturen sehr fest erscheinen.

 

 

WIR LERNEN DEN AUTOR KENNEN!

Allgemein, YU YI MING

 


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Am letzten Samstag haben wir mit unserem Künstlern Herrn Yu zusammen Kaffee getrunken und gegessen. Dadurch habe ich auch mehr von ihm erfahren. Seine langjährige Lehrerfahrung als Schullehrer ließ sein besonderes Interesse für das Schulwesen und die Bildung entstehen. Die chinesische Bildung, die sich nur an Noten der Schüler orientiert, kritisiert er sehr. Beim Treffen hat er unseren deutschen Kommilitoninnen sehr viele Fragen bezüglich des deutschen Schulwesens gestellt, dem auch sein Interesse gilt.

Darüber hinaus ist Herr Yu auch ein Vater. Er redet sehr gerne von seiner 26 jährigen Tochter, die zurzeit in Canada lebt und gerade geheiratet hat. Er hat seine Tochter ins Ausland geschickt, weil er sehr viele Nachteile im Hinblick auf die chinesische Bildung gesehen hat. Für ihn ist die Erziehung einer Tochter anders als die eines Sohnes, was viele Eltern in China teilen: Mädchen sollten immer mit ausreichendem Geld versorgt werden, damit all ihre Wünsche in Erfüllung gehen können, während für die Erziehung eines Jungen nicht so viel ausgegeben werden sollte. Über diese Einsicht haben wir viel diskutiert, weil sie in Deutschland nicht “normal” wirkt.

Herr Yu ist locker, offen und gesprächsfreudig. Er hört gerne zu und führt auch gerne Gespräche. Mit ihm kann man ganz gut reden. Ich freue mich auf mehr Austausch mit ihm in den nächsten Tagen.

Yukuan Wang, 20.05.2017