EINE WEITERE GESPRÄCHSRUNDE

Allgemein, YU YI MING


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Am 29.05.2017 (Montag) setzten wir das Gespräch mit Herrn Yu über ,,Gao Kao und Bildung“ fort. Er monierte, dass Schülerinnen und Schüler in China wegen der Gao Kao (der einheitlichen Hochschulaufnahmeprüfung in China) das Interesse am Lernen verlieren. Leider kann er nichts anderes machen als das in Kauf zu nehmen.
Als Lehrer sage er ständig zu seinen Schülern, die Hauptsache sei immer noch, diese Prüfung zu bestehen. Seitdem er allerdings an der Fremdsprachen-Mittelschule Nanjing tätig ist, kann er endlich den Schwerpunkt auf Literatur legen, weil die meisten Schülerinnen und Schüler an dieser Schule aufgrund ihres Familienhintergrunds nicht an der Prüfung teilnehmen müssen.
Als erfahrender Chinesischlehrer findet Herr Yu es sehr schlecht, dass die Aufgaben für die Prüfung seit Jahrzehnten einem Muster folgen und sich nur auf die grundlegenden Begriffe konzentrieren. Er meint, das schade der Fähigkeit der Schüler, einen Text zu analysieren. Ihre ,,Gedanken“ könnten dadurch sogar ,,vereinheitlicht“ werden. Er verglich die Gao Kao mit anderen staatlichen Prüfungen wie den Toefl und findet die westlichen besser als die in China. Außerdem könnte man meinen, dass Lehrer Feinde der Schüler seien, weil sie Schüler absichtlich eine Falle stellten.
Quanyu argumentierte dagegen und wies darauf hin, dass die Aufnahmeprüfung zwar langsam, aber schrittweise eine Reform erlebe. Herr Yu bleibt allerdings sehr pessimistisch und sieht in Prüfungen immer noch das Ergebnis einer ,,Verschwörung“ von Gesellschaft und Eltern.
Auf Ingrids Frage zur Ironie in chinesischen literarischen Texten antwortet Herr Yu, die beste chinesische Ironie solle so angelegt sein, dass man nicht den ironischen Ton erst nach genauer Überlegung entdecken könne.

Seine Erfahrung als Lehrer sei eher schädlich als hilfreich für das eigene schriftstellerische Schreiben. Als Lehrer könne er nicht kreativ denken und die Schönheit eines Textes nicht genießen, weil er ihn ausschließlich als potenziellen Stoff für Prüfungen betrachte. Als Schriftsteller muss er dazu Distanz nehmen.

Quanyu, 29.05.2017

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Allgemein, YU YI MING

 


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Am letzten Samstag haben wir mit unserem Künstlern Herrn Yu zusammen Kaffee getrunken und gegessen. Dadurch habe ich auch mehr von ihm erfahren. Seine langjährige Lehrerfahrung als Schullehrer ließ sein besonderes Interesse für das Schulwesen und die Bildung entstehen. Die chinesische Bildung, die sich nur an Noten der Schüler orientiert, kritisiert er sehr. Beim Treffen hat er unseren deutschen Kommilitoninnen sehr viele Fragen bezüglich des deutschen Schulwesens gestellt, dem auch sein Interesse gilt.

Darüber hinaus ist Herr Yu auch ein Vater. Er redet sehr gerne von seiner 26 jährigen Tochter, die zurzeit in Canada lebt und gerade geheiratet hat. Er hat seine Tochter ins Ausland geschickt, weil er sehr viele Nachteile im Hinblick auf die chinesische Bildung gesehen hat. Für ihn ist die Erziehung einer Tochter anders als die eines Sohnes, was viele Eltern in China teilen: Mädchen sollten immer mit ausreichendem Geld versorgt werden, damit all ihre Wünsche in Erfüllung gehen können, während für die Erziehung eines Jungen nicht so viel ausgegeben werden sollte. Über diese Einsicht haben wir viel diskutiert, weil sie in Deutschland nicht “normal” wirkt.

Herr Yu ist locker, offen und gesprächsfreudig. Er hört gerne zu und führt auch gerne Gespräche. Mit ihm kann man ganz gut reden. Ich freue mich auf mehr Austausch mit ihm in den nächsten Tagen.

Yukuan Wang, 20.05.2017