DER WINTER DER LITERATUR IN CHINA NAHT. IST DER LITERATURFRÜHLING NOCH WEIT?

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Bereits Anfang der 90er Jahre müssen die chinesischen Autoren mit dem Literaturwinter kämpfen. Doch was ist damit gemeint? Um eine interkulturelle Antwort zu geben, kam der chinesische Autor Herr Yu Yiming am 30. Mai mit den Studenten in Göttingen ins Gespräch.

Herr Yu äußerte zunächst, dass es literarische Werke in China schwer hätten, bekannt zu werden. Aber sie finden trotzdem Anklang beim Publikum, wenn sie das Glück haben, von einem prominenten Regisseur verfilmt zu werden. Dies trifft z.B. auf Su Tongs 苏童 Roman Qīqiè Chéngqún «妻妾成群» (en: Wives and Concubines dt: Rote Laterne) zu. Vor der Verfilmung war Su völlig unbekannt. Es war daher nicht zu erwarten, dass seine Werke Aufsehen in China erregen würden. Aber nachdem der Roman als Spielfilm des Regisseurs Zhang Yimou 张艺谋 über die Leinwand gelaufen war, avancierte Su zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller in China.

Ein alternativer Weg ist, dass chinesische Autoren und Werke aufgrund von Preisverleihungen durch Regierung und Schriftstellerverbände die Stufen zum Erfolg erklimmen. Ausgezeichnet werden jedoch ausschließlich diejenigen, die keinen direkten Konflikt mit der Regierung  herausfordern.

Schließlich könnten die Werke aus eigener Kraft zu Ruhm gelangen, wenn darin die schweren Zeiten des chinesischen Volks, insbesondere in den letzten Jahrzehnten, äußerst realistisch geschildert werden. Beispielsweise hat der chinesische Autor Yu Hua 余华 in seinen Roman Huózhe «活着» (en: To Live, dt: Leben!) einen Rückblick in die Geschichte der zehnjährigen Kulturrevolution gehalten, was durch seine persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Dennoch ist mit solch ‚ernster‘ Literatur der Leser kaum zu unterhalten.

Als die Zuhörer fragten, warum die chinesische Literatur in Druck geraten sei, hat Herr Yu erklärt: Zu seinem Leidwesen verbiete die strenge Zensur nicht nur Aberglauben wie Falun Gong und Pornographie. Sondern auch die ‚ernste‘ Literatur, vor allem die „politisch nicht-korrekte“, könne nur schwer überleben. Das Werk des Systemkritikers Lian Lianke 阎连科 wèi rénmín fúwù «为人民服务» (en: Serve The People, dt: Dem Volke dienen) wurde von Peking verboten. Aber mit dem Erscheinen von verbotenen Romanen im Ausland werden sie mit einem Schlag bekannt und sogar für internationale Literaturpreise nominiert. Durch einen huíliú 回流, „Rückstrom“ gelangen diese Werke dann nach Festlandchina. Daher versuchen manche Autoren, die sich der Zensur bewusst sind, die eigenen Werke zuerst ins Ausland zu bringen.

Eine sinologische Studentin, die früher als Redakteurin bei einem deutschen Verlag gearbeitet hatte, stellte die Frage, ob die Zensurpolitik mit der Zeit loser werden würde. Denn sie findet es schade, dass ein Autor seinem Leser die eigenen Werke nicht vorstellen könne.

Herr Yu war überfragt. „Damit kann man überhaupt nicht rechnen, weil es in China keine festgelegten Regeln dafür gibt“, sagte er. Trotzdem haben einige kluge Autoren wie der Literaturnobelpreisträger Mo Yan 莫言 Schleichwege entwickelt. Um zu publizieren, stellt der „schlaue Bauer“ Mo oftmals Figuren als dumme Bauern dar und erzählt ihre Dummheit in einer übertrieben grotesken Geschichte. Aber die Bauern haben eigentlich die Beamten betrogen und geschlagen. Diese Anspielung lässt sich schwer bemerken, wenn man Tiāntáng suàntái zhī gē «天堂蒜台之歌» (dt: Die Knoblauchrevolte) und wā «» (dt: Frosch) von Mo nicht sorgfältig liest. Und das hat sogar Mo geholfen, der Zensur der Regierung zu entgehen. Daher betonte Herr Yu, „Mo Yan kann sich sehr gut an das System, in dem er lebt, anpassen.“

Herr Yu kritisiert, dass die Zensurpolitik in China die Literatur und Autoren drastisch verletze. Immer mehr Autoren und Leser interessierten sich für die Unterhaltungsliteratur bzw. Fernsehserien und Filme statt für ‚ernste‘ Literatur. Denn sie sind einerseits erheiternd und unbekümmert anzuschauen. Andererseits fühlt man sich als deren Publikum frei und sicher, weil sie politisch nicht inkorrekt sind. Jedoch haben sie überhaupt nichts mit Ästhetik und Literatur zu tun.

Zum Trost kümmern manche Persönlichkeiten sich sehr um die chinesische Literatur. Zum Beispiel haben Ma Yu 马云, der Gründer und CEO der Alibaba Group, und Liu Qiangdong 刘强东, der Gründer des Online-Versandhändlers JD.com, private Literaturpreise gestiftet, damit Literatur in China wieder ernst genommen werden kann. Darüber freut sich Yu Yiming sehr. Vielleicht setzt sich der Literaturfrühling in China doch bald durch, auch wenn der Winter der chinesischen Literatur weiterhin bedrohlich näher kommt.

Yuke Wan, 30.05.2017

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